Gesellschaft fordert Wissenschaft 

Im Kloster Mor Yacqub d’Sruġ in Warburg versammelten sich am 11. Mai 2013 etwa 50 Abiturientinnen und Abiturienten, Studierende sowie Akademikerinnen und Akademiker auf Einladung der NISIBIN und des Kreis Aramäischer Studierender Heidelberg (KrAS) zum V. Šahro d’NISIBIN. Die alljährlich stattfindende Veranstaltung unter dem Motto „Gesellschaft fordert Wissenschaft“ beinhaltete ein informatives und unterhaltsames Programm.

Mor Philoxenos Mattias Nayis präsentierte der Zuhörerschaft im ersten Vortrag des Tages einen historischen Überblick über renommierte Wissenschaftler, die aus der aramäischen Gemeinschaft entstammten. Erläutert wurden unter anderem der Namensgeber des Klosters Mor Yacqub d’Sruġ, der für seine metrischen Homilien bekannt ist, in denen er das Alte und das Neue Testament und apokryphe Literatur behandelt sowie Mor Gregorius Bar-Hebräus aus Melitene, der auch wissenschaftliche Werke aus den Gebieten Astronomie, Ethik, Philosophie verfasste. Insbesondere im Zusammenhang mit dem Namen der Institution NISIBIN ging der Bischof auf die Schule von Nisibin ein, die in der Spätantike im römischen Reich einen hervorragenden Ruf genoss. Einer ihrer berühmtesten Lehrer und Leiter war Mor Ephräm der Syrer, der durch seine unzähligen, in viele Sprachen übersetzte Schriften die aramäische Literatur geprägt hat.

Seit etwa dem 14. Jahrhundert wurden aramäische Wissenschaftler seltener. Diese Periode, die als das schwarze Jahrtausend bekannt ist, dauerte an bis zum 20 Jahrhundert. Als einer der letzten herausragenden aramäischen Wissenschaftler gilt der Patriarch der syrisch orthodoxen Kirche Mor Ignatius Aphrem I. Barsaum (1887 – 1957), der zahlreiche theologische, kirchengeschichtliche und sprachwissenschaftliche Werke verfasste. Von ihm stammt das für die Syrologie wichtige Werk „Geschichte der syrischen Wissenschaften und Literatur“, das kürzlich von Amill Gorgis – Mitglied im Stiftungsrat der NISIBIN – ins Deutsche übersetzt wurde. Mor Philoxenos Mattias Nayis beendete seinen Vortrag mit dem Fazit, dass Kirche mit Bildungschule und Wissenschaft steht und fällt.

Die Moderatorin des Šahro d’NISIBIN und Vorsitzende des Kreis Aramäischer Studierender Gabriela Can stellte anschließend den Studentenverein aus Heidelberg und seine vielfältigen Aktivitäten vor. Nicht zuletzt war es der KrAS, der den Vorläufer der heutigen NISIBIN – die Gesellschaft zur Förderung von Aramäischen Studien – initierte.

Dr. Elisabeth Aram stellte in einem letzten Vortrag den Gastgeber und Veranstalter vor. Anknüpfend an den vom Bischof Mor Philoxenos Mattias Nayis beschriebenen Bedarf von aramäischen Wissenschaften, verwies sie auf die Notwenigkeit der Institutionalisierung von aramäischen Studien und beschrieb die neuesten Aktivitäten der NISIBIN – die Einrichtung einer Forschungsstelle für Aramäische Studien am Institut für Geschichte und Soziologie der Universität Konstanz.

Weiteres Highlight des Tages war die Ausstrahlung des italienischen Dokumentarfilms „Shlomo la terra perduta“ – „Shlomo dem verlorenen Land“. Die Journalisten Stefano Rogliatti und Matteo Spicuglia entdeckten im Zusammenhang mit dem Rechtsstreit um das Kloster Mor Gabriel, dass im Südosten der Türkei noch eine kleine Volksgemeinschaft besteht, die Nachfahren der alten Aramäer sind. Es entstand der Kontakt zum Vorsitzenden des Bundesverbands der Aramäer in der Schweiz Melki Toprak, der gemeinsam mit dem Filmteam in den Tur Abdin reiste und die Aufnahmen begleitete. Auch zum Šahro d’NISIBIN nach Warburg ist Melki Toprak angereist, um den noch nicht veröffentlichen Film vorzustellen.

Die auf dem Filmfestival in Florenz, Italien mit einem Preis ausgezeichnete Dokumentation beschäftigt sich mit der Frage, wie ein Volk, welches durch seine Sprache und Religion als letzte Zeuge des Christentums in dieser Region bis heute über Jahrhunderte hinweg innerhalb Islamischer Herrschaften überleben konnte. Es sei nun endlich an der Zeit, über diese (fast) vergessene Gemeinschaft zu berichten.

Neben den interessanten Vorträgen und der beeindruckenden Dokumentation fand bei entspannter Atmosphäre ein reger Austausch unter den Teilnehmenden des V. Šahro d’NISIBIN statt. Zudem war es möglich, den neuen Bischof der Diözese Deutschland Mor Philoxenos Mattias Nayis kennenzulernen. Bis in die späten Abendstunden wurden spannende Diskussionen – mit zum Teil kontroversen Thematiken – geführt. Die NISIBIN und der KrAS waren über die bekundete Begeisterung und das Interesse an ihren Aktivitäten sehr erfreut und bedanken sich insbesondere bei den neu gewonnen Mitgliedern und Interessenten.