II. Symposium „Suryoye-l-Suryoye“ 

An dieser dreitägigen Tagung, die im Ambiente der Akademie Klausenhof in Dingden stattfand, nahmen etwa 100 Akademiker und Studenten aus dem bundesweiten Raum sowie aus den benachbarten Niederlande teil.

17 Referenten aus Deutschland, Holland, Schweden, den USA und Polen hatten vom 15. bis zum 17. Oktober 2004 die Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse und wissenschaftlichen Arbeiten vorzustellen und zu diskutieren. Die Vortragsthemen der Tagung deckten die Bereiche Geschichte, Sprache, Religion und Kirche sowie die aktuellen Probleme, Risiken und Chancen der Diaspora im Hinblick auf die Integration und Assimilation der Aramäer ab. Im Gegensatz zum letzten Symposium wurden auch Vorträge in der aramäischer und englischer Sprache abgehalten.

 

Eröffnung: Vorstellung des Kreises Aramäischer Studierender Heidelberg (KrAS) e.V.

Nach dem gemeinsamen Abendessen begann der Kongress mit der Begrüßungsrede des KrAS. Zeki Bilgic begrüßte im Namen des Studentenkreises die Teilnehmer und stellte gleichzeitig den KrAS vor. Als grundlegende und satzungsmäßige Ziele der im Jahre 2000 gegründeten und ins Vereinsregister eingetragenen Studentenorganisation nannte er die

  1. Bekanntmachung der aramäischen Sprache und Kultur
  2. Erhaltung und Bewahrung der aramäischen Traditionen
  3. Pflege des deutsch-aramäischen Kulturaustausches
  4. Förderung der Interaktion der aramäischen Studierenden
  5. Integration und Unterstützung der aramäischen Erstsemester

Der KrAS hat im Jahre 2004 mehrere informative Veranstaltungen und Vorträge mit bekannten Wissenschaftlern wie Prof. Dr. Martin Tamcke, Dr. Regina Randhofer, Dr. Mihran Dabag und Dr. Holger Gzella vorbereitet und umgesetzt. Zudem gelang es dem KrAS, den Vorspann der „Sendung mit der Maus“ zum Ostersonntag, den 11. April 2004, erstmals auf Aramäisch zu sprechen. Das selbstbewusste Aufgreifen der Anliegen und Belange der in der Diaspora lebenden Aramäer durch den KrAS bezweckt prinzipiell die Bekanntmachung des kulturellen Erbes zum einen, und die Förderung des kulturellen Austausches zum anderen. Das soll dazu dienen, der Stimme der Aramäer größeres Gewicht zu verleihen.

Am Ende ging Zeki Bilgic auf das Tagesprogramm ein, indem er die ersten Referenten vorstellte und zum Rednerpult bat. Die erste Vortragsreihe galt dem Bereich „Geschichte“. Im Zentrum standen vor allem der Völkermord, seine psychologischen und sozialpolitischen Folgen und Einflüsse auf die Aramäer sowie die Lausanner Frage und damit ganz aktuell auch der EU-Beitritt der Türkei.

Geleugneter Völkermord, Lausanne und der EU-Beitritt der Türkei

Der aus Stockholm eingereiste Publizist Jan Beth-Sawoce ging im Rahmen des Vortrags „Logistik und Psychologie des Widerstandes in Cevardo 1915“ auf den seelischen und körperlichen Zustand der Verteidiger der Widerstandshochburg im Turabdin ein und durchleuchtete ihre Merkmale und Einzelheiten analytisch, die er in den letzten Jahren im Zuge seiner festgehaltenen Archivaufnahmen bearbeitet und festgestellt hat.

Sabri Atman, Autor vieler Bücher, berichtete vom organisierten und von den Jungtürken planmäßig umgesetzten Völkermord. Dahingehend wies er zudem auf die Fortschritte im Hinblick auf die internationale Anerkennung des Armenier-Völkermordes hin, welche sich auf die frühe und starke Diaspora der Armenier und ihrem politischen Engagement begründet. „Von diesem seien die Suryoye noch weit entfernt“, so der Autor aus Enschede. „Ein Land“, resümierte Atman in Anlehnung an die von Kopenhagen und Maastricht definierten Kriterien für den EU-Beitritt, „das öffentliche Plätze und Straßen nach den Mördern von Millionen Christen, die innerhalb seiner Grenzen lebten, benennt, und so die Opfer verhöhnt, kann keinesfalls EU-reif sein, denn die Schuld des Völkermordes kennt keine Verjährung“.

Entgegengesetzter Meinung im Hinblick auf den EU-Beitrtt der Türkei sprach sich Gabriel Fikri Aziz, Journalist und Autor zahlreicher politischer und sozialgesellschaftlicher Kommentare und Essays, der sich unter anderem in der Schlussfolgerung seines Vortrages „Der Lausanner Vertrag in der Türkei des 21. Jh.: Problematik, Herausforderung und Perspektive für die Suryoye“ für einen EU-Beitritt der Türkei aus. Der Renyo Hiro Redakteur Aziz plädierte, trotz der allseits bekannten und diskutierten Gefahren und Risiken, mit denen sich die EU bei einem möglichen Beitritt des islamischen Landes konfrontiert sieht, für eine Aufnahme der Gespräche aus. „Obwohl noch viele politische und juristische Aspekte nach wie vor ungeklärt sind und Defizite in der Religions- und Meinungsfreiheit sowie bezüglich der Minderheitenrechte nicht abgestritten werden können, ist es zum Vorteil der Suryoye“, so Gabriel Fikri Aziz, „denn das Land wird im Rahmen eines längeren Transformationsprozesses zu Zugeständnissen gegenüber den Minderheiten und so der Suryoye gezwungen sein“.

Verschriftlichung des Surayt in aramäischen Lettern

Die Vorträge, die sich mit der Thematik der Sprache und Schrift auseinandersetzen, begannen schon am Vortag mit dem Referat von Dipl. Design. Sevgi Issak, die an der Merz Akademie in Stuttgart tätig ist, mit dem Titel: „Schrift der Stimmen – Probleme der Verschriftlichung des Neu-Aramäischen“.

Daran angelehnt waren die Darstellungen des aus Chicago (USA) eingereisten Dr. Abdul-Massih Saadi im Rahmen des Themas „Erhaltung und Belebung der Aramäischen Sprache des Turabdin“ und der Vortrag „Sprache und Sprachproblematik bei den Suryoye“ von Dr. Shabo Talay. Beide Philologen sprachen explizit die Probleme und (negativen) Entwicklungen des „Turoyo“ (Surayt) an, wobei sie sich für eine Verschriftlichung und Verbreitung des Turabdin Dialekts aussprachen, jedoch eine Verschriftlichung in lateinischen Lettern ablehnten. „Diese Entwicklung ist jetzt schon in einigen Zeitschriften der Suryoye zu verfolgen. Als Beispiel dient hierbei die Verschriftlichung des Ost-aramäischen in Urmia (auch ‚Swadaya‘ genannt) Mitte des 19. Jh., so dass heute Romane und andere literarische Werke in der Mundart geschrieben werden“, so Dr. Talay. Beide Sprachexperten kritisierten das Fehlen von Institutionen, die sich der Entwicklung der Sprache widmen und hoben gleichzeitig die Wichtigkeit einer Akademie hervor, die sich mit der Forschung, Erhaltung und Weiterentwicklung der Sprache auseinandersetzt.

Die Medizingeschichte in Mesopotamien und die Rolle der Aramäer

Einen sehr interessanten Bereich erörterten die renommierten Mediziner Dr. Besim Akdemir und Dr. Abrohom Lahdo mit ihren Vorträgen „Die Rolle der syrisch-aramäischen Ärzte in der Antike und im Mittelalter“ bzw. „Überblick über die Medizingeschichte der Assyro-Babylonier“. Dr. Lahdo aus Wiesbaden betonte, dass sehr viele Erkenntnisse der heutigen Medizin ihren Ursprung in Mesopotamien hatten; selbst das Symbol der Medizin, die Schlange. Nach der Sage des Epos Gilgamesh symbolisiert die Schlange das Leben. Auf der Suche nach dem ewigen Leben war es das genannte Reptil, welches dem König von Uruk die Pflanze des Lebens stahl und somit neues Leben für sich gewann.

Dr. Besim Akdemir, der renommierte Herzchirurg aus Lübbecke, seit jüngster Zeit nach 29 Jahren Chefarzttätigkeit emeritiert, setzte den Exkurs fort, wobei er auf die Entwicklungen und Errungenschaften der Medizin sowie auf den Beitrag der Aramäer Ärzte vom Christentum bis zum Ende der goldenen Renaissancezeit hinwies. „Die Universitäten und Schulen der Aramäer in Edessa (Urhoy), Gundhishapur und Nsibin dienten neben ihren theologischen und geistigen Zentren, auch als Medizinstätte. Der chronologischen Zeittafel nach findet das erste Krankenhaus um das Jahr 370 n. Chr. in Urhoy Erwähnung“, so Dr. Akdemir konstatierend.

Traditionen und philosophische Weisheiten in der Syrisch-Orthodoxen Kirche

Die theologische Vortragsreihe wurde von Dipl. Ing. Amill Görgis aus Berlin eingeleitet. Mit seinem Referat „Glaube und Tradition der Syrisch-Orthodoxen Kirche“ erörterte der Übersetzer mehrerer Bücher die Tradition syrisch orthodoxen Verständnisses. In seinem Vortrag ging er auf die Symbolik und Mystik im syrisch-orthodoxen Ritus ein. Als Beispiel erwähnte Görgis die tiefgreifende Symbolkraft der Karwoche.

Dr. Cand. Youssif Khouriye von der Universität Berlin deckte mit dem Beitrag „Das Buch der Philosophie aus dem Kompendium Sahne der Weisheit von Bar Hebräeus“ den philosophischen Bereich ab.

Wege zur Vitalisierung der Identifikation mit Kultur und Identität

Dipl. Wirt.-Ing. Edip Saliba, Mitbegründer des Internetportals Yauno, suchte mit Statistiken und Umfragen nach Möglichkeiten, wie die Kultur der Aramäer zu erhalten und zu vitalisieren seien. Saliba, der beim 1. Symposium vor zwei Jahren noch die Ansätze und Zielsetzungen der Yauno vorstellte, konkretisierte und spezifizierte mit seinem Beitrag die Gegenwartslage des Identifikationsgrades der Jugend mit den vorhandenen Institutionen und Organisationen am Beispiel der Kulturvereine und der Kirche. Ferner hob Saliba hervor, dass „Wissenschaftliche Portale und Institute als Basis zur Erhaltung der kulturellen Werte“ heranzuziehen seien und zur Aufklärung und Auseinandersetzung mit den kulturellen und sozialen Werten beitrügen.

Die Entstehungsgeschichte von Berghel und Joghurt

Einen amüsanten und sehr unterhaltsamen Vortrag hielt Prof. Dr. Michael Abdallah von der Landwirtschaftlichen Universität in Poznan-Polen über „Die Traditionellen Essgewohnheiten der Aramäer “. Mit viel Witz und Charme referierte er über die Entstehungsgeschichte des Verarbeitungsprozesses des Weizens zu „Berghel“ und der Joghurt-Gewinnung aus Milch. Dabei hob er als besondere Errungenschaft hervor, dass der Tau als Hefe zur Milchsäuregärung diente. Dies erklärte er damit, dass die zur Gärung erforderlichen Bakterien in dem Tau zu finden sind, jedoch muss es der Tau des 1. April auf den Wiesen in Mesopotamien sein.

Das gemütliche Beisammensein

Der zweite Tag endete mit einer Vorstellung von Volks- und Kirchenliedern, inszeniert von Dr. Abrohom Lahdo und Jakob Hawsho. Genauso wie beim ersten Symposium durfte das Lied von der Sonne der Aramäer, dem Heiligen Mor Afrem, „Beth Sefro Afremoyo“ nicht fehlen. Dieses Werk stand einmal mehr im Zeichen des akademischen Zusammenkommens. Im gemütlichen Beisammensein, bei dem einen oder anderen Glas Wein konsumiert wurde, entstanden tiefgründigere Debatten über Themen, die mit den Vorträgen in unmittelbarem Zusammenhang standen.

Projektvorstellung: Gesellschaft zur Förderung Aramäischer Studien

Den Abschluss machte der KrAS selbst, indem Ghandi Eleyow den Anwesenden das Projekt einer „Gesellschaft zur Förderung Aramäischer Studien“ vorstellte. „Das Ziel ist die ideelle und finanzielle Förderung von Studenten und Doktoranden bei der Durchführung von Studien und Diplomarbeiten oder Dissertationen in den Studienbereichen wie Semitistik, Theologie, Soziologie, Geschichtswissenschaften und Archäologie“, so Eleyow. Diese Institution, deren Ansätze und Vorstellungen der KrAS in Zusammenarbeit mit Dr. Shabo Talay in nächster Zeit noch konkreter ausarbeiten wird, steht für die Aramäer aller Konfessionen offen. Die weiteren Schritte zur Gründung der Gesellschaft werden demnächst bekannt gegeben.

Danksagung

Der KrAS bedankt sich an dieser Stelle nochmals bei allen Teilnehmern und insbesondere bei den Referenten und den Sponsoren, die das erfolgreiche Symposium möglich machten. Gesonderter Dank gilt unserem Ehrenreferenten Prof. Dr. Martin Tamcke von der Georg-August Universität in Göttingen für das Kommen und den interessanten Vortrag. Der Kenner der Aramäer berichtete im Rahmen seines Vortrags „Der Weg zum Akademiker“ vom Leben eines aramäischen Studenten Lazarus Jaure, der Anfang des 20. Jh. zum Studium aus Persien nach Deutschland kam. Zu guter Letzt bedanken wir uns aufs Herzlichste bei Dr. Abrohom Lahdo und seinem Sänger Jakob Hawsho für die sehr gelungene Gestaltung des Samstagabends.