Geschriebene und ungeschriebene Geschichte 

Unter dem Motto Was heißt: „Eine Geschichte tragen?“ wollten wir der Frage nachgehen, ob die Jugend, für die Vergangenheit nicht eigene Erinnerung bedeutet, überhaupt Verantwortung für die Geschichte tragen kann. Dies sollte dadurch geschehen, dass den Teilnehmern in Diskussionen, Arbeitssitzungen und Vorträgen der Umgang mit Begrifflichkeiten der westlichen Wissenschaft näher gebracht wird. Es sollte hinterfragt werden, ob die Konzepte und Kategorien, die die deutsche oder westliche Wissenschaft vorlegt, auf unsere Geschichte übertragbar sind.

Dazu inspiriert, eine solche Tagung zu veranstalten, wurden wir durch das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum, das schon seit einigen Jahren vergleichbare Veranstaltungen für armenische Jugendliche organisiert.

Mit dem Institutsleiter Dr. Mihran Dabag fanden wir einen sehr zuvorkommenden und erfahrenen Menschen auf diesem Gebiet, der das Seminar mit seinen kompetenten Institutsmitarbeiter Kristin Platt und Dr. Medardus Brehl wissenschaftlich und professionell leiten konnte. Reich“.

Die dreitägige Sitzung fand in Dingden in der Akademie Klausenhof statt. Die Akademie bot uns eine sehr angenehme, ruhige und entspannende Atmosphäre. Die Zimmer waren sehr komfortabel und die Teilnehmer wurden mit köstlichen und auswahlreichen Mahlzeiten versorgt. Für die gesamte Veranstaltung zahlten die Teilnehmer lediglich eine Seminargebühr in Höhe von 50,- Euro, welche durch eine Förderung vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ermöglicht wurde. Wir bedanken uns auf diesem Wege bei Herrn Zimmermann, der uns diese Förderung ermöglichte und für die tollen Rahmenbedingungen sorgte.

„Geschriebene Geschichte“ und „Ungeschriebene Geschichte“

Damit war der Weg für ein erfolgreiches Seminar frei. Am Freitagabend konnte der 1. Vorsitzende Zeki Bilgic, rund 40 interessierte Teilnehmer begrüßen. Nach der Begrüßung begann Kristin Platt mit der Eröffnungsdiskussion. Dabei teilte sie Karten mit verschiedenen Begriffen aus Familiengeschichte, Politik und Alltag aus, die jeder Teilnehmer mit eigenen Worten erklären und in ein Schema einordnen sollte, das auf der einen Achse Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und auf der anderen Last und Verantwortung darstellte. Damit wurde in das Thema eingeleitet, welche verschiedene Bedeutungen der Terminus Geschichte haben kann. So kamen wir zu der Erkenntnis, dass Geschichte eine Perspektivfrage und immer eine subjektive Darstellung ist. Es ist kein Zufall, dass die Geschichte unseres Volkes nicht in Geschichtsbüchern zu finden ist, da sie nicht den Interessen der Verfasser „Geschriebener Geschichte“ entspricht. Das heißt aber nicht, dass unsere Geschichte nicht existiert, sondern sie ist als „Ungeschriebene Geschichte“ (noch) in Emotionen, Erzählungen, Bildern und Erinnerungen erhalten. Damit unsere Geschichte weiterleben kann, ist sie auf die lebendige Weitergabe von Erlebtem durch Erinnerung angewiesen. Durch diese Eröffnungsdiskussion wurde uns die Bedeutung bewusst, Träger unserer Geschichte zu sein.

Wir erörterten auch, wo Geschichte enthalten ist, und wie sie weitergegeben wird. Im Gegensatz zu der lebendigen Erinnerung, ist die in Geschichtsbüchern vorzufindende Geschichte nicht mehr lebendig. Hier nämlich werden Ereignisse selektiert und von Geschichtswissenschaftlern niedergeschrieben und bedürfen deswegen nicht mehr der lebendigen Weitergabe. Auch ein Archiv beinhaltet nichts lebendiges, sondern ermöglicht lediglich einen jederzeitigen Zugriff auf gespeichertes Wissen. Eine solche Faktizität dient der Sicherung des Wissens über Jahre hinaus und ersetzt die emotionale Weitergabe. Dies gilt wiederum nicht für die Geschichte unseres Volkes, die nicht archiviert ist und durch Erinnerung weitergegeben wird. Letztlich ist Geschichte auch in einem Denkmal zu finden. Mit der Aufstellung eines Denkmals nimmt der Staat der Gesellschaft die Belastung von den Schultern.

So beendeten wir den ersten Tag des Seminars und ließen den Abend in gemütlicher Atmosphäre bei einem Gläschen Bier oder Wein in der Akademie-Bar ausklingen. Am Samstag führten wir unter Leitung von Frau Platt die Diskussion vom Vorabend fort, bevor es in die Arbeitsgruppen ging.

Arbeitsgruppen

Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Sie zogen sich für eine Stunde zurück und erörterten das jeweilige Thema, bevor einer aus der Gruppe in der anschließenden Plenumssitzung die Ergebnisse zusammentrug.

Die erste Arbeitsgruppe – Zeitgenössische Literatur zum Völkermord – leitete Amill Görgis. Er stellte Texte über drei Dörfer im Turabdin, Aynwardo, Bsorino und Dayro du Slibo, aus dem Buch „Gunhe d Turabdin“ von Karabashi vor. Dieses Buch ist von Herrn Görgis ins Deutsche übersetzt worden und wird demnächst herausgegeben. Die Texte berichten über die Gräueltaten, die an den Bewohnern dieser Dörfer zur Zeit des „Sayfo“ begangen wurden. Bei der Durcharbeitung der Texte wurde dem Leser die Angst und der Schrecken der damaligen Opfer vor Augen geführt. Amill Görgis verdeutlichte jedoch auch, dass die Berichte das Ausmaß der Taten nicht wiedergeben können: „Die Opfer erzählen nicht alles […] man muss es ihnen aus den Augen lesen.“

Die zweite Arbeitsgruppe von Kenan Araz behandelte das Thema „Vertreibung, Flucht und Asyl“. Es wurden multifaktoriellen Fluchtursachen zusammengetragen und speziell auf die Aramäer aus der Türkei bezogen. Dabei wurden Mangel an Freiheiten, Menschenrechtsverletzungen und Repressionen als Hauptfaktoren für die Flucht der Aramäer festgestellt. Den Beginn der systematischen Vertreibung kann man bereits am Völkermord festmachen. Diese ethnische Säuberung wurde in den Jahrzehnten danach in Form von Ermordungen, Entführungen und Entvölkerung von gesamten Dörfern weitergeführt. Diese Systematik führte schließlich zur Migration in den Westen, wo die Menschen versuchen ihre Defizite an Demokratie und Freiheit auszugleichen.

„Genozid im Bewusstsein der Jugendlichen in der Diaspora“ war schließlich Thema der letzten Arbeitsgruppe, die von Abboud Zeitoune geführt wurde. Der Leiter stellte zunächst sieben Fragen, um den Genozid in den Raum und erörterte diese zusammen mit den Teilnehmern. Es wurde festgestellt, dass die Teilnehmer mit dem Genozid über Erzählungen von Verwandten in Berührung kommen, sonstige Informationsquellen jedoch nur mangelhaft vorhanden sind. Aufgrund des Genozids gehen die Jugendlichen zu den Nachkommen der Täter (Türken, Kurden) auf Distanz. Auf der anderen Seite stößt man jedoch auf Ignoranz, wodurch ein Dialog nicht zu Stande kommt. Damit die erlebte Geschichte weitergegeben wird, müssen solche Seminare veranstaltet werden, um irgendwann auch einen Dialog zwischen Täter- und Opferseite zu ermöglichen.

Exkurs: Der Irakkrieg und seine Auswirkungen auf die Aramäer im Nahen Osten

Am Nachmittag referierte Ghandi Eleyow über die Lage der Aramäer im Nahen Osten und die Auswirkungen des Irakkriegs auf sie. Dabei stellte er die politischen Systeme aller Staaten vor und berichtete über die Schwierigkeiten der Aramäer als christliche Minderheit im Alltag. Meistens haben sie nur den Status eines Bürgers zweiter oder dritter Klasse. Er legte dazu auch aktuelle Zahlen vor, um die demographische Entwicklung der Aramäer in ihren Ursprungsländern aufzuzeigen. Dabei ist aufgefallen, dass sich im Laufe der Zeit die Anzahl der Aramäer im Nahen Osten aufgrund politischen Repressalien drastisch reduzierte. Auch im Irak bestätigt sich dies. Es ist ein neuer Exodus der Aramäer aus dem Zweistromland zu befürchten, falls nicht eine demokratische, die Minderheiten schützende Neuordnung geschaffen wird. Der Irak-Krieg hat die Lage der Aramäer verschlechtert, die unter der momentan herrschenden Anarchie und dem aufkommenden islamischen Fundamentalismus leiden. Es bleibt also zu hoffen, dass eine baldige Beruhigung zu Gunsten einer Demokratie, die alle Minderheiten berücksichtigt, im Land eintritt.

Kalmans Geheimnis

Zum Abschluss des Samstags wurde der Film „Kalmans Geheimnis“ gezeigt. Der Film spielt im Jahre 1972 in Antwerpen. Die Studentin Chaja (Laura Fraser) ist Jüdin, hat aber „dieses jüdische Zeugs satt“. Die überfürsorgliche Mutter (Marianne Sägebrecht) geht ihr auf die Nerven, den Vater (Maximilian Schell), der seinen in der Nazizeit vergrabenen Koffer sucht, kann sie nicht verstehen. Chaja jobbt als Kindermädchen bei einer Familie chassidischer Juden, die im eigenen Viertel traditionell gekleidet nach den Regeln ihres Glaubens leben und bei denen der Vater unumschränkter Herr im Haus ist. Chaja lehnt sich zwar auf, aber serviert auch ihren belgischen Freund ab. Sie versucht sich in die jüdische Kultur zu integrieren und findet sich dadurch in der jüdischen Vergangenheit wieder. Hier setzt sie sich mit dem inneren Konflikt auseinander, der gleichzeitig das Hauptthema des Films ist, nämlich: Wie hält man es als Jude mit der Vergangenheit? „Du willst das alles unter einem Berg von Kuchen begraben“, sagt Chajas Vater zur Mutter. Und als das Oberhaupt der Chassidenfamilie mal wieder streng war mit seinem Sohn Simcha, den Chaja so lieb gewonnen hat, da reibt sich erneut das Heute am Damals.

„Kalmans Geheimnis“ macht deutlich, „wie wichtig die Konfrontation mit den dunklen Seiten der Erinnerung und der eigenen Herkunft ist, um über sie hinaus zu Verantwortung in der Gegenwart zu gelangen“ (Religion im Film, Köln, 1999).

Nach dem Film führte Amill Görgis eine Diskussion unter den Teilnehmern. Der Film hinterließ bei allen einen nachhaltigen und emotional aufwühlenden Eindruck. Viele konnten ihre Tränen nicht halten. In dem Film waren viele Parallelen zu den Aramäern zu beobachten. Es wurde nicht nur das Tragen von Geschichte thematisiert, sondern auch die Konflikte, mit denen ein Jugendlicher in der Diaspora konfrontiert wird.

Diaspora

Am letzten Tag des Seminars war das Hauptthema die Diaspora. Das griechische Wort für „ausstreuen, aussenden“ wurde ursprünglich im christlichen Zusammenhang verwendet für eine Zerstreuung in eine glaubensfremde Umwelt und eine Sammlung der Gläubigen. Heute ist Diaspora auch eine Frage von Verfolgung, Gewalt, Vertreibung, von Fremdheit als Lebensbestimmung und ein Spannungsfeld verschiedener historischer Erfahrungen und sozialer Wirklichkeiten. Es wurde herausgearbeitet, dass für konstituierende Strukturen der Diaspora der Aramäer Kommunikation, Identität und Verfolgung/Genozid wichtig sind. Dabei muss ersteres die Frage nach der Vernetzung der Medien und der Sprache beantworten. Die Identität stellt die Frage nach Geschichte, Erinnerung und Tradition. Und schließlich stellt sich bei Verfolgung/Genozid die Frage nach der Erzählung, dem Zeugnis und der Weitergabe von Erzähltem. Es bleibt abzuwarten, wie die Aramäer ihre Diaspora gestalten werden.

Ein Ziel, den wir mit dem Anbieten solcher Seminare gehen wollen, ist die Intellektualisierung unserer Erfahrung voranzutreiben. „Andernfalls besteht die Gefahr, dass Tradition und Identität der Suryoye in einer sich globalisierenden Welt zu einer kulturellen Identität auf der Ebene von Folklore reduziert werden“, wie Dr. Dabag resümierte.

Mit diesem Seminar haben wir den Grundstein für weitere Seminare gelegt. Die Fortsetzung wird voraussichtlich im Frühjahr 2004 mit dem Thema „Genozid und Gedächtnis“ stattfinden, wozu wir Euch jetzt schon alle einladen möchten.