Mor Jacob von Nisibis. Quelle: Wikimedia Commons, © Gareth Hughes

In den letzten Jahren, seitdem unser Volk überwiegend in der Diaspora lebt, ist der Wunsch bei vielen immer größer geworden, auch öffentlich des Völkermordes (Sayfo) zu gedenken. Denn in der neuen Heimat darf man nun frei und ohne Angst über die Ereignisse während des Völkermordes reflektieren und reden. Das hat dazu beigetragen, dass die Erzählungen über diese leidvolle Geschichte nicht nur innerhalb unserer Gemeinschaft im Stillen weiter gegeben werden, sondern auch öffentlich gemacht werden. Es ist ein geschichtliches Ereignis, das mit der ganzen Weltgemeinschaft geteilt wird. Wir sind es den Opfern schuldig, dass ihr Martyrium, das sie erleiden mussten, nicht vergessen wird.

24. April Gedenktag der Armenier 

Die Armenier haben sich sehr früh entschieden, den 24. April als Gedenktag für den Völkermord zu begehen. Dieses Datum war für sie der Beginn einer der größten Tragödien ihrer Geschichte. Innenminister Mehmet Talât Bey gab am 24. April 1915 den Befehl zur Festnahme von Angehörigen der armenischen Minderheit. In der Nacht vom 24. auf den 25. April wurden 235 bis 270 armenische Intellektuelle (Geistliche, Ärzte, Verleger, Journalisten, Anwälte, Lehrer, Politiker etc.) in Konstantinopel aufgrund dieses Beschlusses festgenommen. Sie wurden zusammen mit weiteren Armeniern, die später verhaftet wurden, ermordet.

Alle Armenier – unabhängig von ihrer politischen Überzeugung und ihrer Konfession – waren sich in Bezug auf diesen Termin einig. Durch diese Entscheidung institutionalisierten sie ihr Gedenken: Es gibt einen Tag im Jahr, an dem alle Armenier in der ganzen Welt des Genozids an ihrem Volk gedenken. Das ist ihr Tag und deshalb ist es für viele Armenier ein unerträglicher Gedanke, diesen Tag mit anderen zu teilen. Sie erkennen freilich an, dass mit ihnen auch wir, sowie die Pontos-Griechen und die Griechen Kleinasiens von diesem Schicksal betroffen waren. Es geht ihnen allein darum, dass dieser Tag für sie identitätsstiftend ist, und das möchten sie auch so bewahren. Wir erleben bei den Gedenkveranstaltungen zum 24. April, dass die Armenier diesen Tag allein gestalten wollen. Wir werden eingeladen und auch erwähnt als Teil der Opfergemeinschaft, aber es bleibt ihr Tag, und wir sind an diesem Tag ihre Gäste.

Für einige von uns ist dieser Tag bisher auch der Tag des Gedenkens, was sicherlich nicht falsch ist. Denn der Schlag gegen die Armenier war der Auslöser für den Schlag gegen alle christlichen Bevölkerungsgruppen der Region. Die Ideologie, die zu diesem Wahnsinn führte, richtete sich genauso gegen uns. Gedenken wir des Sayfo am 24. April, so werden jedoch unsere spezifischen tragischen Leidensgeschichten im Schatten der Erfahrungen der Armenier bleiben, und wir verlieren unsere eigene Gedenktradition, die uns seit Jahrzehnten bis heute gemeinsam prägt.

2. Juni (15. Juni julianischen Kalenders) Gedenktag der Aramäer 

Es gibt bis jetzt kein besonderes Datum, das sich im Bewusstsein unseres Volkes als Gedenktag aufdrängen würde. Gleichwohl gibt es mehrere Ereignisse im Verlauf der Katastrophe, die des Gedenkens würdig sind. Von diesen Daten kann man z. B. sagen, dass ab diesem Zeitpunkt unsere Vorfahren von der Angst ergriffen wurden, vernichtet zu werden. Dies ist der Fall mit dem Anfang der Verfolgung und Vernichtung in Qarabaš bei Amid am 12. Februar 1915 sowie mit dem Siegestag des Dorfes Ciwardo im Tur Abdin über die Belagerer nach monatelangem Widerstand am 22. Juli.

Die Stiftung für Aramäische Studien hat sich in Absprache mit den Vertretern der syrischen Konfessionen sowie mit den verschiedenen politischen Vertretern des gesamten aramäischen Volkes für die Vernichtung in Nisibis am 2. Juni (15. Juni julianischen Kalenders) 1915 als Gedenktag entschieden. Die Entscheidung fiel auf Nisibis aus vier Gründen:

  • Nisibis steht stellvertretend für alle anderen Orte, an denen durch den Völkermord unsere physische Präsenz völlig vernichtet wurde.
  • Nisibis steht für Wissenschaft und Kultur in unserem kollektiven Gedächtnis, das durch den Völkermord ausgelöscht werden sollte.
  • Nisibis ist ein Ort außerhalb des Tur Abdin und Urmias. Damit soll in Erinnerung gerufen werden, dass wir nicht nur diese Regionen des Osmanischen Reichs und den osmanisch besetzten Iran als Heimat bezeichneten.
  • Schließlich hat Nisibis wie kein anderer Ort für alle syrischen Konfessionen – die ost- wie westsyrischen - eine identitätsstiftende Kraft.

Die Stiftung für Aramäische Studien möchte gemeinsam mit Vertretern der syrischen Konfessionen, mit politischen Vertretern der aramäischsprachigen Gemeinschaft im 100. Gedenkjahr des Genozids diesen Tag, den 2. Juni (15. Juni julianischen Kalenders), an dem der Völkermord Nisibis erreichte, als Gedenktag institutionalisieren. Er soll jährlich mit einem besonderen Programm an einem besonders geschichtsträchtigen Ort in Berlin, der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs, das im ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet war, feierlich begangen werden.

Unser Wunsch ist es, dass unsere Gemeinschaft – abseits jeglicher politischer und religiöser Überzeugung – unabhängig, autonom und ohne gegenseitige Vereinnahmung an diesem Tag des Genozids gedenken kann. Neben der syrisch-christlichen Tradition und der aramäischen Sprache kann dieser Gedenktag an den Sayfo, den wir gemeinsam feiern wollen, als ein drittes bindendes Element unserer gemeinsamen Identität das kollektive Gedächtnis unserer Gemeinschaft erheblich stärken.